Kunst ist für alle da

Designelement

Seit 25 Jahren arbeiten wir mit unseren Bildungsprogrammen und der internationalen Holzkunstausstellung daran, dass kein Mensch wegen seiner Herkunft benachteiligt und diskriminiert wird. Dass wir den Menschen aus anderen Ländern und Kulturen mit Offenheit, Sensibilität und Wissen begegnen. Aus dieser Perspektive liegt es nicht nur nahe, sondern ist es zwingend auch andere Barrieren abzubauen, wenn es zum Beispiel um das Erlebnis der Holzkunstausstellung geht. Und damit meinen wir nicht nur bauliche Voraussetzungen, um ohne Barrieren zum Ort der Kunst zu kommen. Wir arbeiten daran, dass niemand benachteiligt wird, wenn es um ein barrierefreies, sinnliches Erleben von Kunst geht. Unsere neue Ausstellungskonzeption ist grundsätzlich inklusiv. Wir haben mit 80 Menschen zusammen erarbeitet, wie eine Ausstellung für alle aussehen soll.

Das Video zeigt die Ergebnisse unseres gemeinsamen Anfangs.

Die Konzeption

Der Umzug von Lichtenstein nach Mittweida ist Herausforderung und Chance zugleich. Die neuen Räumlichkeiten bilden den äußeren Rahmen und geben zum Beispiel die sinnvolle Anzahl möglicher Exponate vor. Ebenso ergeben sich aus der Bausubstanz, z.B. den Stützen, gestalterische Anforderungen. Künstler, Inklusion, Wegebeziehungen, Funktionsbereiche und konzeptionelle Aspekte, Digitalität, Interaktionen, interkulturelle Bildung u.v.a.m. erweitern den Arbeitsraum der Konzeption.

Broschüren der Neukonzeption „Paulas Walz. Eine Reise zu den Meisterwerken aus Holz.“

Workshops

In vielen Workshops haben wir etwa 80 Menschen befragt. Gemeinsam haben wir überlegt, wie eine Ausstellung für alle Menschen aussehen soll.

In den ersten Workshops wurden die Teilnehmenden selbst zu Ausstellungsmacher*innen. Sie haben über ihre eigenen Erfahrungen mit Ausstellungen gesprochen und Ideen gesammelt. Sie haben darüber nachgedacht, wie sie mit den Ausstellungsstücken interagieren möchten.

In einem nächsten Workshop haben wir gemeinsam Wände, Tische und Exponatträger für eine Testausstellung gebaut. Dafür sind Ideen aus den vorherigen Workshops eingeflossen. In der Testausstellung gibt es drei Ausstellungsstücke mit verschiedenen Möglichkeiten für die Interaktion, sowohl analog als auch digital. So wurde gemeinsam geplant und gemeinsam gebaut.

Zum Schluss haben die Teilnehmenden die Ausstellungsteile ausführlich getestet. Wir haben alles in einem Video festgehalten. Es enthält wertvolles Feedback der Teilnehmenden: erster Eindruck, Verbesserungsmöglichkeiten, positive Erfahrungen und Wünsche.

Die Testausstellung war und ist ein großer Erfolg. Nach Absprache kann man sie besuchen. Wenn Sie Fragen haben, schreiben Sie uns bitte eine E-Mail.

Two4all

Das Projekt „two4all“ denkt darüber nach, wie man Ausstellungen für alle Menschen zugänglich machen kann. Das bedeutet, dass Menschen mit verschiedensten Bedürfnissen in die Ausstellung kommen können. Alle sollen die Kunstwerke auf ihre Weise genießen können. Dafür ist es wichtig, dass die Kunstwerke für alle erfahrbar sind. Das will man erreichen, indem man die Sinne anspricht. Nur so können die Besucherinnen und Besucher die Kunstwerke richtig wahrnehmen und eine Verbindung zu ihnen aufbauen. Je mehr Sinne dabei angesprochen werden, desto besser kann diese Verbindung sein. Gleichzeitig werden so Barrieren abgebaut.

Two4all erweitert das bekannte Zwei-Sinne-Prinzip. Grundsätzlich sollen alle Besucherinnen und Besucher jedes Ausstellungsstück und die dazugehörige Interaktion mit mindestens zwei Sinnen erleben können. Dafür gibt es verschiedene Angebote für die Sinne, die die Besucherinnen und Besucher selbst entdecken können. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen einer Ausstellung für die Mehrheitsgesellschaft und einer barrierearmen Ausstellung. Stattdessen werden die verschiedenen Bedürfnisse der Besucherinnen und Besucher schon beim Planen berücksichtigt. Zum Beispiel gibt es 3D-Tastmodelle, Anleitungen für die Sinneswahrnehmung, DGS-Videos (Deutsche Gebärdensprache) oder Tast- und Geruchsproben bei den Ausstellungsstücken.

Es ist wichtig, die Vielfalt der Menschen zu verstehen, um eine inklusive Ausstellung zu schaffen. Das beinhaltet Faktoren wie Alter, körperliche Fähigkeiten, Herkunft, ethnische Zugehörigkeit, Kultur, Geschlechtsidentität, Neurologie und sexuelle Orientierung. Auch sekundäre Faktoren wie Bildung, Klasse, Sprache, Familienstand und anderes spielen eine Rolle. Aus dem Motto „Zwei Sinne für jeden“ wird so ein Angebot für „2, 4, nein, für ALL(e)“.

Durch die inklusive Gestaltung der Ausstellung können alle Besucherinnen und Besucher von den verschiedenen Angeboten profitieren und voneinander lernen. Zum Beispiel kann eine blinde Person durch das Ertasten eines 3D-Modells Details wahrnehmen, die ein sehender Mensch vielleicht übersehen hätte. Der Austausch untereinander kann neue Erkenntnisse bringen. Das Ziel ist es, gemeinsame Erlebnisse zu schaffen. Alle Besucherinnen und Besucher haben Zugang zu allen Sinnesangeboten, es gibt keine klaren Trennungen zwischen Angeboten für blinde, taube oder andere Menschen. Die Auswahl der verschiedenen Angebote kann individuell erfolgen, je nach persönlichen Bedürfnissen und Vorlieben. Zum Beispiel stehen Audioformate nicht nur sehbeeinträchtigten Personen zur Verfügung, sondern können auch von Kindern oder sehenden, aber auditiv orientierten Menschen genutzt werden.

Skizze einer Planungsphase der Testausstellung

Beispiele für Sinnesangebote

Kachina:

  • Sehen: Exponat, 3D-Modell, Holzprobe, Informationstexte, DGS-Video, Paulas Tagebuch
  • Hören: Wahrnehmungsanleitung, Informationstexte, Audio Paulas Tagebuch
  • Fühlen: 3D-Modell mit Wahrnehmungsanleitung, Holzprobe, Exponatinformationen in Brailleschrift

Kontinentübergang Afrika/Asien

  • Haptisch fühlbares Wandbild
  • Erweiterung von Text und Illustration durch ein immersives Hörbild
im Vordergrund drei weiße 3D-Modelle der Kachina-Figuren, diese stehen im Hintergrund. Vor den 3D-Modellen Beschriftungsschilder mit Braille- und Pyramidenschrift.

Digitaler Guide

Der eigens für dialogus entwickelte digitale Guide führt Teilnehmer*innen durch die Projektfläche. Dabei vermittelt er sowohl Hintergrundinformationen zu den präsentierten Exponaten als auch die begleitende Storyline. Alle Inhalte lassen sich per Tablet abrufen. Die Informationen liegen dabei stets in unterschiedlicher Form vor, sodass diese mit mindestens zwei Sinnen wahrnehmbar sind. Text, Audio, DGS-Video, Hörbild – jede*r soll eine passende Form finden können. Auf diese Art und Weise liefert der digitale Guide einen wertvollen Beitrag zur barrierearmen Gestaltung des Projekts.

Dank der Screenreader-Tauglichkeit können auch blinde oder stark sehbehinderte Personen den Guide nutzen, ohne auf ein herkömmliches Audioguide-Gerät ausweichen zu müssen. Auch die direkte Verbindung zu Hörgeräten oder Cochlea Implantaten ist möglich.

Zusätzliche Wahrnehmungsanleitungen ermöglichen ein geführtes Erleben des jeweiligen Exponats – ein Mehrwert für alle Zielgruppen. Eigens angefertigte Künstler-Portrait-Videos ergänzen das digitale Angebot.

junge Frau im Elektro-Rollstuhl bedient Tablet mit Oberfläche des digitalen Ausstellungsguides
großes Kunstwerk aus miteinander verbundenen Holzringen im Zentrum, rund herum schwarz-weißes Leitsystem auf dem Boden

Leitsystem

Das eigens entwickelte Leitsystem bietet sowohl spürbare als auch sichtbare Orientierung. Auf diese Art und Weise erfüllt es mehrere Aufgaben gleichzeitig. So führt es einerseits blinde und sehbehinderte Menschen durch die Projektfläche. Große Aufmerksamkeitsfelder kennzeichnen den Standort von Kunstwerken bzw. Interaktionen. Durch den starken Schwarz-Weiß-Kontrast berücksichtigt das Leitsystem auch Personen mit Rest-Sehvermögen.

Auch sehenden Personen bietet das Leitsystem Orientierung. Aufgrund seiner auffallenden Gestaltung tendieren auch sehende Personen dazu, dem Leitsystem (bisweilen unterbewusst) zu folgen. Die positiven Effekte dessen können hier bewusst genutzt werden. So kann bspw. auf zusätzliche Hinweis-Schilder verzichtet werden.

Auch für Rollstuhlfahrende stellt das Leitsystem aufgrund seiner vergleichsweise geringen Höhe nicht länger ein störendes Hindernis dar. Vielmehr lässt es sich bequem überqueren und bietet zugleich Orientierung. Auf diese Art und Weise verkörpert das Leitsystem eine unserer größten Überzeugungen: Inklusion bedeutet Mehrwert für alle.

Schild Exponatbeschriftung mit Braille- und Pyramidenschrift
Blinder Mann fühlt die Brailleschrift auf der Beschreibungstafel des Exponates.
Mann vor raumhohen Wandbild, mit seiner Hand ertastet er die Gestaltung des Wandbildes
im Vordergrund drei weiße 3D-Modelle der Kachina-Figuren, diese stehen im Hintergrund. Vor den 3D-Modellen Beschriftungsschilder mit Braille- und Pyramidenschrift.
Mann in der Ausstellung tastet 3D-Modelle der Kachinas ab.
Frau tastet mit Handschuhen eine menschengroße Holzfigur ab.
Mann tastet mit Handschuhen Holzskulptur ab

Haptische Elemente

Was man mit den eigenen Händen berühren kann, bleibt im Gedächtnis. Deshalb gibt es in der Ausstellung viele Dinge, die berührt werden dürfen. Das sind zum Beispiel kleine 3D-Modelle der Kunstwerke, Holz-Stücke oder sogar das Kunstwerk selbst. Die Dinge selbst zu berühren macht nicht nur Spaß, sondern baut auch Barrieren ab. Durch Nutzung von 3D-Modellen, haptischen Wandbildern und tastbaren Exponaten können auch blinde und sehbehinderte Personen die Kunstwerke entdecken. Ein Mehrwert für Alle also.

Das Projekt Testausstellung

Als Filmprojekt gestartet, zu so viel mehr gewachsen.

Das Ziel war klar: ein Film über eine inklusive Ausstellung.

Das Thema: Barrierefreie Holzkunst – wie Ausstellungen für alle erlebbar werden.

Das Wichtigste: Beteiligung verschiedenster Menschen. Denn allein wollten und konnten wir uns diesem Thema nicht widmen. In zahlreichen Workshops haben wir euren Wünschen gelauscht, gemeinsam Ideen entwickelt und überlegt, wie eine Ausstellung für alle aussehen kann.

Was schafft ein sinnliches Kunsterlebnis? Welche Interaktionen passen zum Kunstwerk? Wieviel Platz braucht eine rollstuhlfahrende Person? Wie hoch und tief muss ein Tisch sein, damit alle bequem daran zusammen kommen können? Wie kann ein haptisches Erlebnis angeboten werden? Wie lassen sich verschiedene technische Systeme untereinander nutzbar machen? Diese und viele Fragen mehr stellten wir uns gemeinsam. Die verschiedenen Etappen zur Lösungsfindung sind wir mit unterschiedlichen Beteiligten, Dienstleister*innen, Spezialist*innen und viel Engagement weiter gegangen.

Überblick über die Ausstellung. Die Seitenwände sind abgehängt mit Molton, auf dem Boden ein Blindenleitsystem. Im Vordergrund eine große Holzskulptur, dahinter eine Wand mit Illustration: Berge und Heißluftballon.